Pianosa, Insel des Circe, wild und anziehend

Ein weißes Flachland aus Muscheln, das sich so sehr mit dem Meer verwischt, sodass die Insel für einstige Seefahrer fast unsichtbar wurde.

Als Napoleon die Insel zum ersten Mal im Jahre 1814 besichtigte, war sie komplett unbewohnt: hier und da war eine Ziege oder ein Mustang vorzufinden, aber wie alle Inseln des Toskanischen Archipels ist auch Pianosa- „Planasia“ für die Römer- von Geheimnissen umwittert.

Die Mysterien der antiken Vergangenheit der Insel. Auf diese Insel wurde Agrippa Postumo, Neffe des Augustus, im Jahre 6 n. Chr. auf den Willen Livias hin, der Frau des Kaisers, verbannt. Nach dem Tod ihres Mannes einige Jahre später schickte sie einen Auftragsmörder auf die Insel, um Agrippa töten zu lassen. Ein anderes geheimnisumwobenes Objekt sind die weitläufigen christlichen Katakomben aus der Römerzeit (zwischen dem III. und IV. Jahrhundert n. Chr.), ein unterirdisches Labyrinth, das sich unter dem kalkhaltigen Leib der Insel verflechtet. Ihr werdet den Eingang nur wenigen Meter vom Anlegeplatz finden: habt ihr den Mut, hineinzugehen?

Die Insel war über Jahrhunderte hinweg im Streitkampf zwischen Pisa und Genua. Im Jahre 1520 wurden die Herren von Piombino rechtmäßige Besitzer der Insel, doch bereits kurze Zeit später häuften sich die türkisch-barbarischen Überfälle unter dem furchterregenden Barbarossa. Im Jahre 1553 schickte der Osmane Dragut eine Flotte mit 12 Schiffen, um die Pianosa zu zerstören: ihre Gebäude wurden dem Erdboden gleichgemacht und die 200 Einwohner verschleppt und versklavt. Von da an wurde sie nur sporadisch von Saisonarbeitern, Fischern und Schafhütern bewohnt.  Unter der französischen Herrschaft wurden im Jahre 1806 Verteidigungsposten aufgebaut und im gleichen Jahr wurde sie mit dem Reich Italiens verbunden und 1858 zu einer landwirtschaftlichen Strafkolonie umfunktioniert. Hierher kamen nun die Sträflinge, um Arbeit auf den Äckern zu leisten.

Und die Anreise? Die kürzeste Anreise ist von Campo nell`Elba aus, die elbanische Gemeinde, zu der die Insel gehört. Wir empfehlen, einige Tage vorher zu reservieren: das Boot legt gegen 10 Uhr morgens vom Kai des Ortes ab. In weniger als einer Stunde gemütlicher Seefahrt werdet ihr diese flache Insel, die keine 29 Meter hoch ist (der Name sagt alles, denn „piano“ bedeutet auf Italienisch „flach“)erreichen.

Pianosa ist ein kleines, komplexes Territorium. Versunken in  freier Wildbahn und von unbestrittener Schönheit war die Insel noch bis vor kurzem unzugänglich. Ihr werdet bei der Ankunft überrascht sein von der Neugotischen Architektur, das Ergebnis eines Plans des Ponticelli, einer der ersten Direktoren dieser“ landwirtschaftlichen Strafkolonie“, zur Neuerrichtung. Nachdem ihr nun in das Innere des Territoriums off-limits dieses Gefängnisses getreten seid, werdet ihr von Neuem verzaubert von dem eindrucksvollen Mauerwerk aus Stahlbeton, das die Insel in zwei Stücke teilt. Eine Hinterlassenschaft im Kampf gegen die Mafia, das als zeitgenössisches Monument passend zu sein scheint, um den Anschein eines wirklich unbezwingbaren Hochsicherheitsgefängnisses zu erwecken.

Eine wilde und anziehende Insel, durch und durch zu entdecken. Pianosa ist der perfekte Ort für sportliche Aktivitäten. Ihr könnt Ausflüge zu Fuß, mit dem Rad oder sogar mit einer Kutsche genießen. Auf keinen Fall dürft ihr bei diesem Wetter ein Bad bei Cala Giovanna (der einzige Ort der Insel, an dem Baden erlaubt ist) verpassen: ein langer, feinkörniger Sandstrand neben dem Dorf, auf den auch die Villa di Agrippa blickt. Und die Tauchermaske nicht vergessen! Taucht unter zu den Meeresböden Pianosas, die reichsten und lebendigsten der Inselgruppe. Für Tauchanfänger empfehlen wir mit einer Tauchschule, wie beispielsweise Omnisub in Porto Azzurro, die Reise anzutreten. Und weil die Insel für über 150 Jahre ein Gefängnis war, wurde sie vor wahlloser Fischerei geschützt: deshalb könntet ihr mit etwas Glück  einen aus dem Wasser emporspringenden Delfin sichten.

Mit Sicherheit ist diese kleine Insel nicht versessen darauf, große Gefühle und Reflexionen aus ihren Besuchern hervorzuholen. Ihr werdet euch aber mit Sicherheit in ein so kleines Fleckchen Erde, strategisch und einerseits städtebaulich von der Gefägniswirklichkeit durcheinandergebracht, andererseits natürlich geschützt, sofort verlieben. Und nicht zu vergessen die Schönheit der kleinen Buchten mit ihren zackenförmigen Klippen!